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Tauwetter

Heute schreibe ich nicht, wie der Titel vielleicht suggeriert, vom Frühlingswetter, sondern von einem Film, den ein Freund gedreht hat.

Irgendwann gegen 1995/96. Philipp, ist ein Freund und Film-Geek. Er schaut sich Filme anders an als die meisten von uns, die sich einfach nur Unterhalten und vom Film mitnehmen lassen. Philipp analysiert regelrecht jedes Detail, den Ausschnitt, die Perspektive, die Kamera, den Schnitt. Wie wird der Film erzählt? Wie spielen die Schauspieler ihre Rolle? Er ist großer Fan von Martin Scorsese und Robert DeNiro. Er liest viel zum Thema Film. Also nicht über die Filme, wie in einer Wochenzeitschrift, sondern wie ein Film entsteht. Er erklärt mir, was „Mise-en-scène“ heißt und zeigt mir viele Beispiele in Filmen.

Wir sind jung und und Träumen davon, einen eigenen Film zu machen. Wir beginnen mit einer einfachen Handkamera Szenen zu spielen, aus Jux. Ein paar weitere Freunde, wie Christoph und Thorsten, haben auch Spaß an der Sache und machen mit. Philipp geht auf eine Waldorfschule und macht bald seinen Abschluß. Auf seiner Waldorfschule ist es üblich, eine praktische Abschlußarbeit zu erstellen und zu präsentieren. Philipps Idee: Er schreibt sein eigenes Drehbuch. Ich habe vor einiger Zeit mein Abitur hinter mich gebracht und bin noch etwas unentschlossen, ob und was ich studieren soll, da es mit einem Ausbildungsplatz nicht auf anhieb geklappt hat, und habe entsprechend einiges an freier Zeit. Wir setzen uns regelmäßig zusammen, Philipp gibt mir Literatur zum Thema „Wie schreibt man ein Drehbuch?“.
Einige Monate später haben wir eine Grundstory, und die erste Hälfte des Drehbuchs ist fertig. Arbeitstitel „Fische“. Es geht um zwei Protagonisten, die in rivalisierenden Gangsterorganisation sind. Eine Gangstergeschichte also, nicht verwunderlich, denn Philipp und ich sind nun mal große Scorsese und DeNiro Fans. Dennoch ist es keine klassische Gangstergeschichte, denn die Protagonisten möchten aussteigen.

Einige Zeit später fange ich mit meinem Studium an, danach Arbeiten als Consultant, habe also nicht mehr die freie Zeit wie früher. Philipp und ich verlieren uns aus den Augen.

6-7 Jahre später lädt mich Philipp dazu ein, bei der Umsetzung des Films mitzuwirken, welchen er nun drehen möchte. Ein „Zero“-Budget Film. Denn keiner hat wirklich Geld, und schenken will es niemand. Ich bin von meiner Arbeit so in Beschlag genommen, dass ich leider nicht an der Umsetzung mitwirken kann.

Weitere 4 Jahre später, vor einer Woche, lädt mich Philipp erneut ein, diesmal zur Crew-Prämiere des Films „Tauwetter“, der endgültige Titel des Films. Ich bin begeistert und auch gespannt, was aus der Geschichte, die wir gemeinsam vor so vielen Jahren angefangen hatten, geworden ist.
Vor dem Film sagt er mir noch, dass er den Film gerne aus meinen Augen sehen würde.

Der Film geht los und ich bin begeistert darüber, dass die Protagonisten noch ihre Namen von vor über einer Dekade beibehalten haben, wie Tom, Samuel, Hoffmann, Fischer. Die Kamera und die Schnitte sind sehr gut, professionell. Nichts hat den Flair einer billigen Produktion, und auch nicht den eines Films, den sich Jugendliche erdacht haben. Die Darsteller sind fast alle echte Profis. Das Kölner Philarmonieorchester hat die Musik zu dem Film gespielt, die unter anderem von Mirko, einem damaligen Schulkameraden komponiert wurde.
Der Film beginnt mit einigen Sequenzen, die ich nicht kenne, da wir damals den Anfang anders hatten. Aber nach und nach sehe ich Sachen aus dem ersten Drehbuch wieder. Die Geschichte ist noch dieselbe, natürlich erweitert, an einigen Stellen ergänzt um die Charaktere und die Story stärker zu tragen und mehr Dramaturgie ins Geschehen zu bringen. Dennoch enthält der Film so gut wie alles aus der original Story, sogar an einige Dialoge erinnere ich mich. Es ist unglaublich zu sehen, wie die Charaktere, die wir uns damals ausgedacht hatten, nun auf der Leinwand zum Leben erwachen und der Film die Geschichte erzählt.

87 Minuten später beginnt der Abspann. Ich bin baff und stolz auf Philipp, dass er nicht nur sich und den Mitwirkenden einen Traum erfüllt hat, sondern auch mir. Und obwohl es so lange her ist, dass ich überhaupt etwas für den Film gemacht habe, kriege ich einen Adrenalinschub, als im Nachspann mein Name auftaucht: „Nach einer Idee von Phillipp M. Hönig, Serhat Cinar und Christoph Pohlens“. Und mir wird klar, dass manche Träume doch in Erfüllung gehen, vor allem dann, wenn man diese mit anderen teilt.

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